Schreiben als Ernten – Warum mein nächstes Buch kein Projekt, sondern ein Korb ist
In den letzten Wochen hat sich etwas in mir verändert. Wie das manchmal so ist, ganz ohne Geistesblitz, und ohne neues Konzept. Aber doch spürbar, als wäre etwas, das schon lange in mir unterwegs war, endlich am Ziel.
Vom Machen zum Empfangen
Lange habe ich Schreiben als einen schöpferischen Akt verstanden – als aktives Gestalten, als Ordnen von Gedanken, als Sichtbarmachen von Wissen. Und natürlich steckt da etwas Wahres drin. Aber ich habe auch gemerkt, dass mich genau diese Haltung immer wieder in eine Art Anspannung gebracht hat. Das Schreibe war verbunden mit dem stillen Leistungsdruck, ich müsste etwas hervorbringen, etwas „machen“, etwas erschaffen, das vorher noch nicht da war.
Irgendwie hat sich diese Bild gerade in mir gewandelt.
Ich erlebe Schreiben immer weniger als Produzieren und immer mehr als ein behutsames Einsammeln dessen, was längst in mir gewachsen ist.
Als hätte ich über viele Jahre hinweg gesät – manchmal bewusst, oft ohne es zu merken. Vielleicht waren das Erfahrungen, Begegnungen, Krisen und Erkenntnisse, die nun wie Samen aufgegangen sind, Wurzeln geschlagen haben, gewachsen und gereift sind und deren Früchte ich einfach nur einsammeln muss. Dieser Gedanke entspannt mich.
Die Felder sind bereit
Was wäre, wenn jetzt die Zeit gekommen ist, durch diese inneren Felder zu gehen und zu schauen, was sich zeigt.
Was voll geworden ist. Was rund geworden ist. Was bereit ist, geteilt zu werden, damit es gegessen bzw. gelesen werden darf.
Dieser Tage beginne ich mit meinem neuen Buch „Sehnsucht nach mir“ (Arbeitstitel). Wenn ich jetzt in den Beginn meines Schreibprozesses denke, spüre ich keinen Druck mehr, etwas Neues erfinden zu müssen. Stattdessen fühle ich mich eingeladen: Wende dich deinem eigenen Gewordensein zu. Hör hin. Das Leben fragt mich gerade:
Was in dir ist reif? Was hast du lange genug in dir getragen, sodass es jetzt gewachsen und genug durchlebt ist, um weitergegeben zu werden?
Das sind ganz andere Fragen als die üblichen – nach Struktur, Zielgruppe, Botschaft. Diese Fragen führen nicht nach außen, sondern nach innen. Sie verlangsamen mich. Und sie bringen mich in eine Haltung des Lauschens, die ich so mag und mir immer wieder neu erlauben will. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das ein „anschmiegsames Weltverhältnis“: Wenn wir nicht länger ringen oder etwas jagen, sondern uns berühren lassen.
Ich sitze nicht mehr vor dem leeren Blatt mit dem Gefühl, etwas erschaffen zu müssen. Ich trete einen Schritt zurück und höre, was sich zeigen will. Schreiben wird so zu einer Begegnung – nicht mit einem Thema, sondern mit mir selbst.
Und darin liegt für mich gerade etwas sehr Entlastendes: Ich muss nichts Vollständiges machen, nicht alles, was ich weiß, in ein Buch „stopfen“. Ich muss nicht „abliefern“ – und schon gar nicht mit „Deadline“. Ich darf darauf vertrauen, dass das, was reif ist, sich von selbst zeigt, wenn ich es fließen lasse.
Nicht ein Buch – ein Korb
Für mich ist das Ernten ein sehr kraftvolles Bild. Meine Bücher sind keine abgeschlossenen Projekte mehr, sondern Körbe – in die ich einbringe, was zu einem bestimmten Zeitpunkt reif geworden ist. Jeder Korb vollständig in sich. Und gleichzeitig Teil von etwas Größerem.
„Sehnsucht nach mir“ ist mein erster Korb in diesem neuen Bewusstsein. Er trägt die Qualität von etwas, das lange gewachsen ist – satt, sinnlich, prall und lebendig. Da gibt es keinen Anspruch mehr, etwas als kompetente Fachfrau beweisen zu wollen. Es ist ein Buch, das teilt, was ich für mich als wertvoll erlebt habe.
Und während ich diesen ersten Korb fülle, wird mir klar: Es wird nicht der letzte sein. Weitere werden folgen – zu anderen Zeiten, aus anderen inneren Bewegungen heraus. Auch meine bisherigen Bücher sehe ich jetzt anders. Nicht als abgeschlossene Kapitel, sondern als Felder, die ich noch einmal betreten darf. Da ist auch noch einiges nachgereift und ist vielleicht bewusster, klarer und auch liebevoller geworden.
Mit der Zeit entsteht so kein Bücherregal im klassischen Sinne – sondern etwas, das sich für mich viel stimmiger anfühlt: ein wachsender Ernte-Dank-Altar meines Lebens. Ein Ort, an dem sichtbar wird, was durch mich gewachsen ist, was ich erfahren habe, was ich verstanden habe. Und was ich bereit bin zu geben.
Diese Vorstellung bringt eine tiefe Ruhe in mein Schreiben. Und vielleicht auch in dein Leben – wenn du dich manchmal fragst, ob du genug tust, genug bist, genug gibst. Vielleicht ist die Frage schlicht falsch gestellt. Vielleicht geht es gar nicht ums Leisten. Sondern ums Reifen. Und darum, zu erkennen, wann die Zeit der Ernte gekommen ist.
Die größte Veränderung, die ich gerade erlebe: Ich frage mich nicht mehr, ob das, was ich schreibe, gut genug ist. Ich frage mich, ob es wahrhaftig ist. Ob es wirklich aus mir kommt.
Und so frage ich mich jeden Schreibmorgen neu: Was ist heute reif? Was will heute gesehen, gesammelt und in Worte gebracht werden?
Denn vielleicht ist Schreiben – wie das Leben selbst – das stille Ernten dessen, was die universelle Lebensintelligenz durch uns hat wachsen lassen. Ein Geschenk, das wir empfangen – und dann weitergeben.
Und ich finde in diesem Gedanken liegt eine ganz besondere Würde. Wir erkennen endlich an, was in uns gereift ist – und sind bereit, es auf diesem Weg mit anderen zu teilen.
Drei Fragen für deine Ernte:
- Was in deinem Leben ist bereits reif – auch wenn du es vielleicht noch nicht als „wertvoll genug“ siehst?
- Wo versuchst du noch, etwas – jetzt unbedingt – zu erschaffen oder zu erzwingen, das eigentlich erst noch weiter wachsen möchte?
- Was würde sich verändern, wenn du in deinem Leben nicht noch mehr „leistest“, sondern bewusst ernten würdest?
Ich freue mich, wenn du mir schreibst, was dabei in dir aufgeht.
